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 Das Pedigree als Label

 

 

 

Mit der Auflösung der Identität traditionsreicher Zuchtverbände, übernehmen Mode-Namen in der Abstammung das, wofür früher das Brandzeichen gestanden hat: Ein Label zu Vermarktungszwecken.

 

Immer mehr wird die Abstammung unserer Sportpferde heute kommerzialisiert. Dies unterstützt insbesondere die Vermarktungsfähigkeit von ansonsten vorerst unverkäuflichen Jungpferden und hier besonders den Fohlenmarkt. Für den Erfolg des Modelles Auktion ist dieses Label sogar absolut notwendig. Es schafft eine Erwartungshaltung und damit einen Marktwert, trotz ungewissem, sportlichen Werdegang.

 

Es ist ein gutes Modell für die frühzeitige Vermarktung von Pferden, aber kein guter Indikator für den tatsächlichen Wert eines Sportpferdes. Streng genommen schafft es für viele Fohlenkäufer und Aufzüchter sogar ein Modell, das traditionelle Kriterien verdrängt. Es erfolgt eine Reduzierung auf die Abstammung. Der echte Sportler muss nicht mehr im Fohlenalter anhand von Selbstdarstellung und Sportlichkeit beurteilt werden. Darunter leidet langfristig die Fähigkeit vieler Kaufinteressenten Jungpferde unabhängig ihrer Abstammung einzuschätzen.

 

 

 

Fohlenmarkt – Der Handel mit Wahrscheinlichkeiten

 

Der Pferdemarkt liefert alles was das Herz begehrt – nur auf die sportlichen Leistungen dieser Nachwuchshoffnungen gibt es noch immmer keine Garantie. Denn Zucht ist (wie der Reitsport selbst) eine Form der Kunst und keine exakte Wissenschaft. Die Folge davon ist, dass immer weniger Menschen sich auf ihr Beurteilungsvermögen gegenüber dem Individuum verlassen.

 

Auch der Fachmann mag sich in einem Pferd mal täuschen und ein Fohlen über- oder unterbewerten. Manch unbedeutendes Fohlen wird zu einem Topsportler heranreifen oder eben ein hervorragendes Sportpferd vom Fachmann zum Sportler geformt. Sportleistung immer zu einem großen Anteil  von Menschenhand „gemacht“. Ein Mindestmaß an Qualität muss hierfür vorhanden sein, aber wer als Besitzer die nötigen Voraussetzungen schafft, kann auch mittelmäßigen Pferden die Chance geben über sich hinauszuwachsen. Unter jahrelangem Profiberitt kommen einige Pferde zu S-Platzierunngen, die unter Freizeitreitern keinen nennenswerten Eindruck hinterlassen hätten.

 

Immer weniger Reiter sind „Pferdemenschen“, die in der Lage sind Blender von Sportlern zu unterscheiden. Selbst Olympia-Reiter mögen einem Reitpferd ihre Qualität ansehen können, bei der Fohlenbeurteilung hört es dann aber beim Großteil der aktiven Reiter auf, selbst wenn sie aus Pferdefamilien stammen. 

 

Heutzutage eine Abstammung zu finden, die hohen Ansprüchen gerecht wird, ist verhältnismäßig einfach. In Zeiten schlechter Vermarktungslage werden fast alle Kundenwünsche Realität. Wahlweise kann man auf Individualerfolge setzen, ergo beide Elternteile haben Leistungen auf Grand Prix Niveau erbracht. Oder aber auf einen herausragend guten Stamm zurückgreifen, aus dem viele namhafte Hengste hervorgegangen sind.

 

All diese Maßnahmen garantieren natürlich kein ebenso erfolgreiches Pferd, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Der Handel mit Fohlen und Jungpferden beruht auf nichts anderem als Hoffnung und Erhöhung von Wahrscheinlichkeiten. Wer will schon in ein No-Name Produkt investieren, wenn er auch einen Nachwuchssportler mit den besten elterlichen Voraussetzungen erwerben kann?

 

Letztlich liegt es wohl in der Hand des Reiters selbst dafür zu sorgen, dass das Fohlen später den Erwartungen gerecht wird. Wolfram Wittig ist ein gutes Beispiel hierfür, der in die Ausbildungsqualitäten der Nachkommen seines Hengstes Breitling W glaubte und bereit war jahrelange Aufbauarbeit zu leisten. Der Erfolg gibt ihm heute Recht. Trotz diverser Exterieurmängel des altmodisch daherkommenden Hengstes, sind seine Nachkommen überdurchschnittlich sporterfolgreich. Wohlmöglich wäre es einem Ausbilder wie Herrn Wittig auch geglückt mit einigen bewussten Anpaarungen diese Leistungen auch mit einem anderen Hengst zu wiederholen. Der Glaube versetzt schließlich die Berge.

 

 

 

Der Wert des Stutenstammes

 

Die Wertschätzung von Stutenstämmen hat lange Tradition. Bereits beim Aufbau der Zucht des Englischen Vollblüters vor über 200 Jahren trennten sich Arabische Fürsten stets nur von guten Hengsten und so gut wie nie von Mutterstuten. Bis heute ist ein Züchter mit Blick auf Nachhaltigkeit bemüht, die beste weibliche Nachzucht selbst zu behalten.

 

Eine interessante Beobachtung in einer Branche, die eine echte Männerdomäne ist und wo Pedigrees standardmäßig nach dem fallenden Mannesstamm übermittelt werden! Wo es heisst ein Fohlen stammt ab von Vater X und aus der Mutter Y, als hätte die Mutter nur für die Aufbewahrung des Fohlens gesorgt und sich nicht selbst genetisch eingebracht.

 

Diese überraschende Form der Wertschätzung ist in meinen Augen purer Pragmatismus. Wer es schafft, seinen Stutenstamm als etwas Besonderes herauszustellen, kann nun auch die Mutterseite als Vermarktungshilfe gewinnen. Wertschöpfung auf Mutterseite ist daher purer Eigennutz. Je höher der Bekanntheitsgrad des Stammes, desto größer die Nachfrage und damit der Preis. Neben den prestigeträchtigen Vaterpferden wird nun auch die Mutterseite zum Label gemacht. Genial einfach, einfach genial!

 

Natürlich ist es schlüssig auf Mutterstuten zu setzen, deren nahe Verwandtschaft bereits erfolgreiche Pferde hervorgebracht hat. Aber dann dürfte man zu Vermarktunsgzwecken auch nur von den Erfolgen der allernächsten Generationen sprechen. Die weite Verzweigung mancher Stämme macht sonst jeden Vergleich müßig. Denn mit jedem Hengst kommen eben auch rund 50% genetisches Material von der Vaterseite hinzu, die sämtliche Betrachtungen verfälschen. Der alte Spruch: „Drei Generationen nichts, ist nichts“ bewahrheitet sich hier.

 

Nur wie viel höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Mutterstute an die Erfolge ihrer Ahnen anknüpfen kann, wenn ihr Stamm gut ist, wurde nie berechnet. Wer will schon züchterischen Wert nach Statistiken bestimmen? Wo bereits die Anforderungen an ein „gutes Pferd“ so unterschiedlich ausfallen. Denn welcher Maßstab soll dazu angelegt werden? Manche Züchter fordern bereits eine Trennung nach Schausiegen und Sporterfolgen und auch die Körung eines Junghengstes stellt bei den heutigen Anforderungen eher einen Schautitel dar.

 

Bei der Betrachtung von Sporterfolgen in Holstein wurde im Rahmen einer Dissertation ermittelt, dass Stuten mit hoher Bonitierung im Schauwesen eine geringe Wahrscheinlichkeit mitbrachten Topsportler zu liefern. Oder anders ausgedrückt: Die echten Sportler kommen aus nach heutigen Bewertungsmaßstäben „unbedeutenden“ Müttern. Eine Bewertung nach Äußerlichkeiten ist demnach eine absurde Form der Leistungsselektion für den Springsport.

 

 

 

Evolution von Stämmen

 

Ein guter Stutenstamm kann einen schlechten Hengst vertragen und immer noch ein gutes Produkt liefern, rühmen manche Züchter. Klar geht das! Aber was will man mit diesem neuen Zweig in der Folge noch erreichen? Zum weiterzüchten kommen in der Regel zur Steigerung der Vermarktungschancen nur die allerfeinsten Pedigrees in Frage. Ein zweitklassiger Vererber als Vatertier kommt daher nicht in Frage. Für den schnellen Abverkauf mag ein Modehengst taugen, aber wie sieht dann wohl die sportliche Leistung der Nachzucht aus? Und überhaupt; ist es besonders geschickt solche Fohlen auf den Markt zu werfen und sich damit den Ruf des eigenen Stammes zu gefährden?

 

Der schnelle Abverkauf sollte nicht dazu verleiten Fehlentscheidungen zu treffen. Kein Züchter der Nachhaltigkeit anstrebt, kann es sich erlauben, bewusst mäßige Hengste einzusetzen, nur weil sie dem „Flavour of the Day“ entsprechen. Zweige von guten Stämmen können im Laufe der Zeit auf- und verblühen. Entscheidend hierfür ist das züchterische Geschick, mit dem der Stamm weitergeführt wird. Es reicht eben nicht einen Top-Stamm als Zuchtgrundlage zu wählen, solch ein Stamm muss immerzu auch entsprechend geschickt gepflegt werden. Leon Melchior (Zangersheide) sagte einmal, dass er aus beinahe jedem Stutenstamm nach nur 2 sorgsam durchdachten Anpaarungen Top-Springpferde ziehen könnte. Dies verdeutlicht, wie viel wichtiger die sorgsame Arbeit eines engagierten Züchters mit dem richtigen Händchen sein dürfte, als der zuvor ausgewählte Stamm. Zumal die Bandbreite an Stutenmaterial auch innerhalb eines sehr guten Stammes  erheblichen Schwankungen unterliegt.

 

 

 

Statistische Betrachtungen

 

Nicht immer können die Nachwuchs-Hoffnungen die in sie gesteckten Erwartungen erfüllen. Da stellt sich die Frage, ob statistisch betrachtet wirklich diejenigen Pferde mit herausragender Abstammung die höheren Chancen mitbringen gute Leistungen abzuliefern? Weil vieles altgediente Wissen im Reitsport und der Zucht nicht kritisch hinterfragt wird, habe ich mir mal die Mühe gemacht auszuwerten, welche Top-50 Springpferde aus Deutschland welchem Stamm entspringen.

 

Denn wenn man altgediente Züchter so reden hört, kommen alle Spitzensportler immer wieder aus der selben handvoll von Stutenstämmen. Nur aus solchen Top-Stämmen kann auf Dauer die Leistungsdichte und die Anzahl der Spitzenprodukte stimmen. Solche Aussagen wollte ich gern einmal einem belastbaren Zahlenbeweis entgegen stellen.

 

Das Ergebnis: Unter den Top 50 Springpferden aus Deutschland im Jahre 2014 nach Jahresgewinnsumme tauchen nur 2 Pferde aus demselben Stamm auf (Colorit von Coriano und Colore von Contender - Holstein 741). In 2013 sind es ebenfalls nur 2 Pferde, bzw. genauer gesagt haben sie sogar dieselbe Mutter, nämlich Famm von Forrest xx (Let’s Fly von Lordanos & Shutterfly von Silvio I - Hannover Adelna).

 

Das scheint mir eher eine breite Basis für Topsportler zu sein. Zufall? Wie viele mehr Spitzenpferde müsste ich auswerten, um zu weiteren Überlappungen zu kommen? Ehrlich gesagt erscheint mir dieser erste Eindruck recht eindeutig. Mitnichten kann hier von immer wieder denselben Stämmen die Rede sein! Erst recht, wenn man bedenkt, wie hoch die Absatzchancen und somit Förderwarscheinlichkeit ist bei einem Fohlen aus einem erstklassigen Züchterhaus im Vergleich zu einem No-Name Produkt vom Hobby-Züchter.

 

Meine Schlussfolgerung daraus: Der Sport fächert breiter als so manch ein Züchter sich das eingestehen mag. So manch ein Top-Springpferd kommt aus eher unwahrscheinlicher Anpaarung oder sogar von echten Negativ-Vererbern ab. Und eigentlich ist das auch logisch. Denn der Sport unterliegt so vielen Unwägbarkeiten, dass man den „Faktor Mensch“ bei der Leistungsbeurteilung einfach nicht ausklammern darf. Natürlich können manche Stämme eine beeindruckend hohe Leistungsdichte aufweisen. Aber Fakt ist, nach Auswertung der erfolgreichsten Sportpferde Deutschlands kommen offensichtlich viele Stämme im Spitzensport zum Zuge.

 

 

 

Wie wichtig ist das Pedigree überhaupt?

 

Die Kommerzialisierung einer Abstammung ohne Betrachtung der individuellen Qualität kann nicht richtig sein. Nicht zu verleugnen ist dennoch, dass viele gute Pferde auch gut gezogen sind. Und dennoch: Für jedes top gezogene Pferd im Spitzensport gibt es ein Gegenbeispiel von einem Pferd mit herausragender Abstammung und unterdurchschnittlicher Leistung. Viele von den ländlich erfolgreichen Sportpferden haben ein Spitzen-Pedigree und haben es niemals in den großen Sport geschafft (ob aufgrund eines schwachen Reiters oder mangels Vermögen sei dahingestellt).

 

Insbesondere Springleistung ist stark genetisch gefestigt. Daher erhöht eine gute Genetik tatsächlich die Wahrscheinlichkeit ein gutes Sportpferd zu erhalten. Allerdings entspricht der Marktwert eines Hengstes nicht immer seinem Zuchtwert. Gerade bei Junghengsten und Vieldeckern klafft regelmäßig eine Lücke zwischen dem, was der Name verspricht und dem, was an Leistung zu erwarten ist. Von daher darf der klangvolle Name niemals verblenden.

 

Eine gute Abstammung ist keine Garantie, sondern weckt bestenfalls Hoffnung. Das ist gut für den Abverkauf und damit eine wichtige Überlegung für Züchter die eine Kostendeckung anstreben. Beste Abstammung ersetzt jedoch niemals den Blick auf das Pferd. Natürlich muss hier relativiert werden: Es ist schlicht unmöglich Spitzenpferde immer bereits im Fohlenalter zu identifizieren. Wer sich einmal Fohlenbilder berühmter Sportpferd ansieht, wird auch viele auf den ersten Blick unbedeutende Fohlen zu sehen bekommen. Genau das macht den Reiz der Zucht doch irgendwo aus, weil eben nicht alles planbar ist.

 

 

 

Verfasst im August 2014

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Gibt es bald keine deutschen  Pferde mehr?

Mal ehrlich, macht ihr euch Gedanken darüber, ob Züchter züchten? Woher kommen eure Pferde? Wo habt ihr sie gekauft? Seid ihr “nur” Reitbeteiligung und habt ihr schon mal überlegt, woher der Besitzer sein Pferd hat? Oder Schulpferde – auch sie werden ja irgendwo geboren. Woher kommen die gesunden und vor allem rittigen Nachwuchspferde, die wir alle brauchen, damit wir unseren Sport auch noch in vielen Jahren ausüben können?

Basis für ein gutes Reitpferd ist eine solide und durchdachte Zucht. Deutschland hat eine lange Tradition und ist seit vielen Jahrzehnten weltweit führend auf diesem Gebiet. Das zeigen die Erfolge, die Pferde mit deutschen Brandzeichen und Pedigrees, in denen es von deutschen Spitzenvererbern nur so wimmelt, international in allen Disziplinen auf den Spitzen-Turnieren erzielen.

Nun hat die FN gerade im  PM FORUM 1/2015 einen Artikel veröffentlicht, dem zufolge nach es eine dramatische Rückentwicklung bei den Bedeckungen gibt – bei den Warmblutpferden um 40 % innerhalb der letzten fünf Jahre. 2009 wurden noch 48.206 Stuten bedeckt. 2013 waren es nur noch 29.728. Der Abwärtstrend setzte sich auch im vergangen Jahr fort. Hier liegen zur Zeit allerdings noch keine endgültigen Zahlen vor. Auch die Zahl der eingetragenen Zuchtstuten hat sich deutlich verringert. 2008 gab es in den Zuchtverbänden noch 71.600 registrierte Stuten. 2013 waren es nur noch 55.500. Und von 2012 auf 2013 gingen sogar 4.300 Warmblutstuten für die Zucht verloren.

Nicht aus allen Bedeckungen gibt es am Ende ein gesundes Fohlen. So wurden 2013 weniger als 25.000 Warmblutfohlen geboren. Für 2014 rechnet die FN mit einer Zahl um 23.000. Auffallend ist, dass in diesem Jahr aber knapp 24.000 junge Turnierpferde bei der FN eingetragen wurden. Pferde aus dem Ausland sind also im Vormarsch, muss man daraus schließen.

Laut FN-Artikel “…mit diesem Gedanken mag sich die deutsche Zucht am allerwenigsten anfreunden. Also bleibt nichts anderes übrig, als dass die Züchter und Zuchtinteressierten hierzulande das Ruder herumreißen und dafür sorgen, dass wieder mehr Fohlen geboren werden.” 2015 möchte die FN ihren PMs (= persönliche Mitglieder) mit dem Schwerpunktthema “Pferdezucht im Fokus” “…die Zucht noch etwas näher zu bringen.” und so hofft man, dass man “…so manchen überzeugen können, selber Züchter zu werden.”

Was bedeutet das für einen “ganz normalen” Pferdebesitzer? Einen, der keinen eigenen Hof besitzt, der eine einzige Stute sein eigen nennt und diese in einem Pensionsstall eingestellt hat und der vielleicht sein Geld als Kassierer/Kassiererin bei Aldi verdient? Immerhin gaben bei einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens HorseFuturePanel in diesem Herbst unter 1.000 Züchtern und Zuchtinteressierten 49 % der Befragten an, dass sie die Zucht wegen zu stark angestiegener Kosten aufgegeben hätten.

Zu allererst muss die Reitpferdestute zur Zuchtstute werden. Dazu muss der angehende Neuzüchter Mitglied in einem Zuchtverband werden und seine Stute in das Zuchtbuch eintragen lassen: Hierfür braucht sie eine Zuchtbescheinigung. Dann wird sie zu einem Eintragungstermin beim Zuchtverband angemeldet und dort anhand der äußeren Erscheinung (Typ, Körperbau, Korrektheit des Ganges, Grundgangarten und Gesamteindruck) beurteilt und anschließend abhängig von ihrer Abstammung und der Eintragungsnote ins Stutbuch I oder Stutbuch II eingetragen. All dies ist bereits mit einigen Kosten verbunden.

Dann benötigt der angehende Neuzüchter Informationen. Ohne die Bereitschaft, sich umfassend schlau zu machen, fortzubilden und Rat von Experten einzuholen, braucht man gar nicht mit dem Züchten anzufangen. Es geht ja nicht darum, Pferde “irgendwie” zu vermehren. Ziel der deutschen Pferdezucht ist, wie es 1975 die Mitgliedszuchtverbände der Deutschen Reiterlichen Vereinigung erstmals gemeinsam formulierten und wie es heute noch in leicht abgewandelter Form gilt, Pferde, die folgenden Kriterien entsprechen, zu züchten:

“Gezüchtet wird ein edles, großliniges und korrektes, gesundes und fruchtbares Pferd mit schwungvollen, raumgreifenden, elastischen Bewegungen, das aufgrund seines Temperamentes, seines Charakters und seiner Rittigkeit für Reitzwecke jeder Art geeignet ist.”

Darüber hinaus hat jeder Zuchtverband eigene Definitionen, die seine betreute Rasse von anderen absetzen.

Eine Zuchtstute und ihre Nachkommen haben andere Ansprüche an Haltung, Fütterung und Erziehung als Reitpferde. Es liegt in der Verantwortung des Züchters, gute Lebensbedingungen für Mutter und Kind und das spätere Jungpferd zu schaffen. Regelmäßiger Weidegang ist die gesündeste und natürlichste Haltungsform. Für die Geburt ist eine ausreichend große Box mit viel frischem Stroh und ein gesundes Stallklima mit viel Licht und Luft nötig. So  schnell wie möglich sollen Fohlen nach der Geburt – passende Witterungsverhältnisse vorausgesetzt – mit ihren Müttern und anderen Stuten und Gleichaltrigen hinaus auf die Weide – zum einen der Gesundheit wegen zum anderen zur Entwicklung des Sozialverhaltens. Eine Einzelhaltung von Stute und Fohlen muss deshalb unbedingt vermieden werden. Nach dem Absetzen von der Mutter gehört das Fohlen aus diesem Grund in eine Herde.

Die spannendste und schwierigste Entscheidung fällt lange vorher. Der Neuzüchter muss den richtigen Hengst auswählen. Auch dafür braucht er Expertise und muss sich abgesicherte Informationen über genetische Gesundheit und Zuchtwert der Hengste beschaffen. Je weniger Ahnung man hat, desto mehr muss man über jeden einzelnen Hengst, der interessant erscheint, wissen. Doch am Ende muss der gewählte Hengst vor allem anderen zur Stute passen. Die richtige Anpaarung zu finden, ist nicht immer ganz einfach. Um seinen Blick zu schulen, sollte der angehende Züchter so oft wie möglich Körungen, Hengstschauen und Stuten- und Fohlenschauen besuchen. Die FN-Erfolgsdatenbank (www.fn-erfolgsdaten.de) hilft ihm ebenfalls weiter, denn sie durchleuchtet einen Hengst und seine Nachkommen auf sportlicher und Leistungsebene.

Hat man den Hengst ausgesucht, kommt der “praktische” Teil. Die Stute muss vom Tierarzt auf ihre Zuchttauglichkeit untersucht werden. Hierbei wird unter anderem anhand einer Tupferprobe festgestellt, ob sie “sauber” ist, d.h. dass sich keine Bakterien am Gebärmutterhals befinden, die eine Trächtigkeit verhindern oder beim Natursprung den Hengst gefährden können. Manche Stuten zeigen aufgrund ihres Ernährungszustandes und/oder klimatischer Umstände keine Rosse und brauchen eine Hormonbehandlung. Wenn die Rosse dann eintritt, muss der Tierarzt – meist mehrfach überprüfen, wann der beste Zeitpunkt für die Besamung ist. Dann erfolgt die Besamung ebenfalls durch den Tierarzt. Hier entstehen dem Züchter weitere Kosten für Tierarzt und vor allem für das Sperma des Hengstes, welches zwischen einigen Hundert und einigen Tausend Euro kosten kann.

Bis zur Geburt des Fohlens fallen einige weitere Aufwendungen für z.B. Ultraschall-Untersuchungen durch den Tierarzt, sowie auf die Bedürfnisse einer trächtigen Stute abgestimmtes Futter etc. an. Auch das Neugeborene muss tierärztlich untersucht und versorgt werden.

Wenn man dann noch berücksichtigt, dass sich “rohe” Pferde nur schwer vermarkten lassen und man die besten Chancen zum Verkauf des Zuchtproduktes hat, wenn das Pferd drei- oder vierjährig und solide angeritten ist, am besten noch mit Prämierungen von diversen Fohlenschauen, bei denen man gegen große Gestüte mit großen Namen konkurrieren muss, dann wird schnell klar, dass sich “Ottonormal”-Menschen den Traum vom selbst gezüchteten Fohlen nur mit großem Aufwand – auch finanziellem – und sehr viel Engagement erfüllen können.

Und so stellt sich am Ende noch immer die Frage: Wie lange gibt es unter diesen Voraussetzungen noch deutsche Pferde?


„Zur Natur des Pferdes“
von Reitmeister Martin Plewa
anlässlich der Stensbeck- / Graf Lehndorff – Feier am 15.11.2006 in Warendorf

Die geehrten Preisträger des heutigen Abends, wie alle, die sich beruflich mit dem Pferd beschäftigen, haben in ihrer Ausbildung umfangreiche Erfahrungen in Zucht, Haltung und Reitausbildung gewinnen können. Von uns Berufskolleginnen und – kollegen wird erwartet, diese Erfahrungen nun weiterzugeben und denjenigen vermitteln zu können, die unseres Rates und unserer Hilfe bedürfen.

Und das ist die Mehrzahl aller pferdebegeisterten Menschen. Nur die wenigsten Pferdefreunde haben die Chance, so wie wir, die wir beruflich mit dem Pferd befasst sind, sich jahrelang den ganzen Tag umfassend mit den jeweiligen Pferdeindividuen auseinander zu setzen. Nur wenige der heutigen Pferdebesitzer und – halter, aber auch nur wenige unserer reiterlich aktiven Amateure sind in Pferdefamilien groß geworden und haben Pferdeverstand (oder ein anderes Wort dafür: Horsemanship) quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Millionen von Pferdefreunden bleiben wichtige Kenntnisse über Verhaltensweisen des Pferdes, über Anforderungen in Umgang und Haltung, über Erfordernisse an reiterlichem Einfühlungsvermögen versagt, woraus oft genug gravierende Probleme im Miteinander von Pferd und Mensch entstehen. Nicht selten sind dann vermeintliche hippologische Heilsbringer die erhoffte, wenn auch meist überteuert erkaufte Rettung. Die Tatsache, dass solche „Gurus“ überhaupt Zulauf haben, aber auch die Tatsache, dass geradezu absurde Trainingsmethoden heutzutage als „neue, moderne“ Ausbildungswege deklariert und nahezu kritiklos nachgemacht werden, muss uns zu denken geben. Es werden heutzutage Sachverhalte in Frage gestellt, die sich seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten, im Umgang und in der Ausbildung mit Pferden bewährt haben. Was in Frage gestellt wird, wird meist sehr öffentlichkeitswirksam, noch mehr kommerziell wirksam durch eigene exotische Methoden und Verfahren ersetzt, die natürlich auch die Anschaffung ganz besonderer Peitschen, Leinen, Ketten oder Bücher und sonstiger Medien erfordern. Die im Frühjahr stattfindende Equitana wird uns hierzu wieder zahlreiche Beispiele liefern. Als Beobachter „alternativer Heilsbringer“, die ihre vermeintlich neuen Lehren mit geradezu missionarischem Sendungsbewußtsein, aber auch kommerziellem Geschick vertreten (wobei sich missionarisch und kommerziell eigentlich ausschließen müssten), muss ich mich fragen: haben denn die Erfahrungen sogenannter „alter Pferdeleute“, wie die z. B. meines Vaters, der aus einer über Generationen nachzuvollziehenden Pferdefamilie stammte, nichts getaugt? Haben sie mich den falschen Umgang mit dem Pferd gelehrt, wurde die falsche Reitlehre vermittelt? Wohl kaum; denn ich kann mich nicht erinnern, dass wir auch nur mit einem einzigen unserer Pferde irgendein Problem im Umgang gehabt hätten. Ein Monty Roberts war entbehrlich zu einer Zeit, als jeder Vater seinen Kindern den sachgemäßen Umgang mit dem Pferd als einen wesentlichen Teil seiner alltäglichen Erziehung mitgegeben hat.

Ich frage mich auch angesichts vermeintlich neuer Ausbildungsmethoden: Hat die HDV – gemäße Reitausbildung uns und unsere Pferde etwas in die falsche Richtung geformt? Ich meine: nein! Die größten Meister, die ich als Reitschüler oder als Trainer – bzw. Ausbilderkollege erleben durfte, haben alle die gleichen hippologischen Wurzeln gehabt, nämlich die der sogenannten “klassischen Reitlehre“ mit der Skala der Ausbildung in exakt der gleichen Formulierung, wie sie heute noch in den Richtlinien steht. Nach diesen Grundsätzen sind Pferde unter Reitern ausgebildet worden, die als Reiter und später als Ausbilder zu den bedeutendsten Vertreter dieser klassischen Reitauffassung gehörten, von Stensbeck über Frhr. Von Langen zu allen Angehörigen der Kavallerieschule, die den Reitsport der Welt über Jahrzehnte dominierten, wie Brinckmann, Polley, Momm, Stubbendorff, Habel, Viebig, Niemack, Graf Rothkirch, um nur einige Namen zu nennen. Diese Generation hat exakt dieselben Reitauffassungen in die Nachkriegszeit hinüber gerettet. Sie haben die Grundlage geschaffen für den heutigen Standard deutscher Reitkultur. Ihrem Wirken entspringen die Leistungen von Reiterlegenden wie Winkler, Klimke, Ligges oder Boldt und vielen anderen Tausenden von Meisterreitern und Ausbildern, zu denen auch die Gebrüder Stecken gehören, die weltweit als Vorbilder deutschen Reitwesens gelten. Die von diesen Reiterinnen und Reitern, von diesen Ausbildern vertretene Lehre könnte schon allein deshalb als „klassisch“ bezeichnet werden, weil sie weltweit einfach die meisten und bedeutendsten Lehrmeister und Meister im Sattel hervor gebracht hat.

Worin liegen oder lagen die Gründe für diesen Erfolg und die Nachhaltigkeit dieses Erfolges? Ich vermute, es ist u.a. damit zu begründen, dass diese Generationen von Pferdeleuten das Privileg genossen haben, Pferde stets in ihrem natürlichen Bewegungsumfeld kennen gelernt und unter artgerechten, den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes angepassten Bedingungen erlebt zu haben. Sie haben die naturgegebenen Verhaltensweisen und Lebensbedürfnisse des Pferdes von Anfang an erfahren und konnten daher in jeder Hinsicht der Natur des Pferdes gerecht werden und dementsprechend handeln. In der Nutzung des Pferdes war man auf die Gesunderhaltung und eine hohe Lebenserwartung besonders angewiesen. Die Ausbildung hat die wesentlichen Grundlagen gelegt für eine vielseitige Verwendungsmöglichkeit des Pferdes im manchmal ganztägigen Einsatz bei langjähriger Nutzungsdauer. Daher standen als erste Ausbildungsziele die Balancefindung unter dem Reiter, die Kräftigung und Abhärtung im Vordergrund, nicht das Erlernen von Lektionen oder gar Präsentieren spektakulärer Bewegungen. Mit dieser Ausbildungsphilosophie bin ich noch aufgewachsen, habe die ersten Longenstunden und Reitstunden, überwiegend im Gelände, auf einem Pferd bekommen, das je nach landwirtschaftlichen Erfordernissen viele Stunden am Tag im Einsatz war.. Zu vielen Reitstunden, wie z. B. bei Erich Philipp, mussten wir 20 km hin und 20 km zurück durchs Gelände reiten. Auch die Wege zu den wenigen Turnieren wurden auf dem Pferderücken zurückgelegt. Es gab ja keine Hänger, Transporter, keine ziehenden Fahrzeuge. Es gab aber auch keine Fachtierärzte für Pferde, erst recht keine Pferdeklinik. Sie wären zur damaligen Zeit auch nicht existenzfähig gewesen.

In unserer heutigen Zeit, in der der Daseinszweck des Pferdes fast nur noch darin besteht, uns in unserer meist knappen Freizeit zu erfreuen bzw. zur Befriedigung unseres aktuellen sportlichen Ehrgeizes beizutragen, laufen wir schnell Gefahr, es als zeitweise genutztes Freizeitsport – oder Leistungssportgerät zu betrachten und unsere Konzentration nur noch auf die kurze Zeitspanne des Gebrauchs zu lenken, statt die eigentlichen Lebens – und Verhaltensbedürfnisse über alle Tagesstunden eines jeden Wochentages zu berücksichtigen. Der Natur des Pferdes entspricht nicht die höchstens einstündige Nutzung unter dem Sattel; die Natur des Pferde erfordert manchmal auch deutlich mehr Zeit, als wir uns den Pferden üblicherweise widmen können, aber auch vielmehr Raum, als es viele Reitanlagen und Betriebe in unserem stark besiedelten Lebensraum zulassen. Auch wenn manchmal viele Kompromisse erforderlich sind: an der Natur des Pferdes haben wir uns dennoch in unserem täglichen Schaffen zu orientieren, und dies nicht nur, weil es so in den uns selbst auferlegten „Ethischen Grundsätzen des Pferdefreundes“ geschrieben steht, sondern allein deshalb, weil ihre Berücksichtigung erst den sachgemäßen, gesicherten Umgang und die erfolgreiche harmonische Ausbildung ermöglicht.

Worin ist nun die Natur des Pferdes begründet, wie kann ich sie im täglichen Umgang, in der Haltung oder in der Ausbildung berücksichtigen? Zur Antwort auf diese grundsätzliche Frage eine Aussage vorab:

Trotz aller Domestizierung über Jahrtausende, trotz unterschiedlichster Nutzung durch den Menschen, trotz intensivster, gezielter züchterischer Selektion gilt nach wie vor:

Das Pferd ist von seiner Natur her mit all seinen Wesensmerkmalen ein Steppentier, ein Lauftier, ein Fluchttier, ein Herdentier, um nur einige biologisch – ethologische Begriffe der Spezies Pferd zuzuordnen. Wenn wir in unseren Breiten, aber auch bei unserer Nutzung des Pferdes es nicht wie ein Steppen -, Flucht – oder Herdentier halten können, müsste konsequenterweise die züchterische Beeinflussung das Pferd so verändern, dass es die Eigenschaften eines Käfigtieres einnimmt, wenn wir es denn tier- und artgerecht so halten wollen, wie wir es heute oft genug tun. Aber die Zucht selektiert zur Verbesserung der Reiteigenschaften, besserer Bewegungen, Rittigkeit oder besserer Springveranlagung. Noch kein Zuchtverband ist aber z. B. auf die Idee gekommen, Pferde mit besonders großen Mägen zu züchten, um sie nur noch einmal in der Woche füttern zu müssen. Daraus folgt: solange Pferde so sind, wie sie von Natur aus sind, müssen wir sie halten und mit ihnen umgehen, wie sie sind. Das Pferd hat z. B. als Fluchttier ein extrem feines Gehör, weshalb man manche akustische Stimmungsmache auf großen Hallenturnieren fast als Tierquälerei empfinden muss. Auch das Anschreien eines Pferdes, wenn wir meinen, es dadurch disziplinieren zu müssen, entlarvt nur unser mangelndes Wissen über die Natur des Pferdes. Der Leithengst ist kein Brüllaffe. Gebrüll empfindet das Pferd als Gefahrensituation, nicht als Situation, in der es sich einem ranghöheren Lebewesen anvertrauen mag, um mehr Sicherheit zu genießen. Das Sehverhalten eines Pferdes ist nach wie vor auf Steppen – bzw. Fluchtsituationen ausgelegt. Das Pferd hat fast Rundumsicht und kann Bewegungen wesentlich differenzierter wahrnehmen als der Mensch. Dies müssen wir einfach berücksichtigen, wenn ein Pferd sich erschrickt, auch wenn wir den Grund dafür selbst nicht realisiert haben. Das Pferd hat auch eine sehr empfindliche Wahrnehmung auf der Haut. Es nimmt jede Fliege auf dem Fell wahr, zuckt dort mit der Haut oder schlägt mit dem Schweif, um das Insekt zu vertreiben. Dies muss allen zu denken geben, die mit scharfen Sporen oder heftigem Schenkeleinsatz das Pferd malträtieren. Stumpf oder gar „tot am Schenkel“ ist ein Pferd nicht von Natur aus, es wurde dazu gemacht! Außer bei den Sinnesorganen entspricht auch die sonstige Anatomie und Physiologie des Pferdes noch ganz der eines Steppentieres. So verfügt das Pferd über einen empfindlichen, hoch entwickelten Atmungsapparat, dem man nicht nur durch entsprechende Haltung Rechnung tragen muss, sondern auch durch entsprechendes Training. Wenn Pferde nicht mehr frei und auch in höherem Tempo galoppieren dürfen, können die Atmungsorgane nicht mehr ausreichend ventiliert werden. Ständiges Dressurreiten in gedrosseltem Tempo ohne freie Galopps auf der Weide oder unter dem Sattel, ist daher Degenerationstraining für die Lungen. Das Verhalten von Fohlen und Jungtieren auf großen Weiden zeigt uns deutlich, wie durch einen Wechsel von ruhiger Bewegung zu flotten Galopps die Natur dafür sorgt, dass der Atmungs- , aber auch der Bewegungsapparat ständig trainiert und damit gesund erhalten wird. Auch hinsichtlich des Bewegungsapparates stellt das Pferd von seiner Natur her die Anforderungen eines Dauerlauftieres. In freier Umgebung würde sich das Pferd fast ständig in Bewegung befinden, meist im ruhigen Schritt, evtl. unterbrochen von schnellen Galopps als Training für die Fluchtsituation (der Trab ist eher die Erholungsgangart, das gilt übrigens auch für das sportliche Training). Wenn nun ein Halter oder Reiter sich nun damit brüstet, sein Pferd täglich zu bewegen, weil er es ja jeweils eines Stunde reitet und natürlich auch keinen Stehtag einlegt, kann er der Natur des Pferdes mit diesem Bewegungsangebot dennoch nicht entsprechen. Es ist nämlich zu unterscheiden zwischen naturgegebenen Bewegungsbedarf und dem individuellen Bewegungsbedürfnis. Das Training kann evt. einen Teil des Bewegungsbedarfes abdecken, ob es aber dem jeweiligen individuellen Bedürfnis des Pferdes entspricht, in einer Reitstunde 20 Pirouetten zu drehen, 10 Minuten zu piaffieren oder 40 Sprünge zu überwinden, sei sehr dahin gestellt. Den ausreichenden Bewegungsbedarf und die Befriedigung des Bewegungsbedürfnisses kann ich nur sicher stellen, wenn ich dem Pferd zusätzlich zum Reiten freie, ungezwungene Bewegung (z. B. auf ausreichender Weidefläche) ermögliche. Die Tatsache, dass die meisten Dressurpferde, aber auch sehr viele Springpferde, aber in selteneren Fällen Fahr- und Vielseitigkeitspferde sich bei Siegerehrungen angeblich nicht mehr ohne Zwangsmittel vorstellen lassen, kann Beleg dafür sein, dass natürliche Bewegungsbedürfnisse des Pferdes nicht mehr ausreichend abgedeckt sind, die dann aber bei der Ehrenrunde im Herdenverband wieder wach werden; unter Musik – und Applausbegleitung wird gleichzeitig der Fluchtinstinkt mittrainiert. Bekäme jedes Dressur – und Springpferd regelmäßig Gelegenheit zu flotten Galopps unter dem Sattel oder auf der Weide, könnten vielleicht auch Dressurweltmeister und Springderbysieger wieder ungefährlicher ihre Ehrenrunden drehen. Vor allem bräuchten wir uns die unglaublich unsinnige Argumentation nicht mehr anzuhören, der Schlaufzügel auf dem Abreiteplatz oder bei der Siegerehrung diene der Sicherheit. Wenn wir Zwangsmittel einsetzen müssen, um Pferde in bestimmten, von uns gewollten Situationen gefügig zu halten, haben wir unsere reiterliche Bankrotterklärung abgegeben. Sie offenbart insbesondere ein geradezu perverses Verständnis von Dressur als Abrichtung des Pferdes für die Erfüllung bestimmter Aufgaben, ohne auf die eigentlichen Bedürfnisse des Pferdes Rücksicht nehmen zu müssen.

Das Pferd dokumentiert uns in seinem Verhalten, in seinem Gesundheitszustand und in seinen Befindlichkeiten unseren hippologischen Sachverstand. Die Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl aller Pferdeerkrankungen heutzutage ausgerechnet am Atmungs – und am Bewegungsapparat auftreten, belegt, dass wir meist nur bedingt die Lebensbedürfnisse eines Pferdes in unserer Haltung und Nutzung befriedigen können. Wir haben nun mal keine Steppe mehr vor der Haustür, aber das ist auch keine Ausrede dafür, die Anforderungen an Haltung, Bewegung und Ernährung auf Kosten der Gesundheit und des mentalen Wohlbefinden des Pferde zu ignorieren.

Die Qualität des Miteinander von Mensch und Pferd wird aber auch ganz wesentlich vom Herdenverhalten des Pferdes bestimmt und davon, wie der Mensch damit umgeht. Man könnte salopp sagen: das Pferd ist ein Gesellschaftstier und spätestens dann, wenn wir ein Pferd aus dem Herdenverband herausholen, müssen wir uns als Sozialpartner des Pferdes verstehen und uns auch entsprechend verhalten, natürlich als das dominierende, ranghöhere Lebewesen. Die über das Pferd zu erzielende Dominanz muss aber von Respekt und Vertrauen geprägt sein, nicht von Angst oder Unsicherheit. Indem sich das Pferd respekt – und vertrauensvoll unterordnet, gewinnt es an Ruhe und innerer Sicherheit, an der Hand wie unter dem Sattel. Die Leittierrolle zu übernehmen fällt vielen Menschen schwer, es erfordert Kenntnisse in den Verhaltensweisen des Pferdes und besonders viel Konsequenz. Grobiane, die sich mit einem Pferd anlegen, können es dauerhaft unbrauchbar machen, weil das Pferd im Kampfe schnell merkt, dass es ja doch der Stärkere ist. Pferde haben auch ein hervorragendes Erinnerungsvermögen. Ihre Misshandler vergessen sie ein Leben lang nicht. Umgekehrt: Welch eine Chance für uns, durch richtigen Umgang mit seinen Pferden lebenslange Vertrauensverhältnisse zu ihnen aufbauen zu können.

Falsch verstandene Pferdeliebe führt aber auch nicht zum Ziel, weil damit kaum Dominanz zu erzielen ist.

Nicht selten werden dem Pferd menschliche Denkmuster, Charakterhaltungen oder Verhaltensweisen unterstellt. Tanzt einem das Pferd mal wieder auf dem Kopf herum, wird schnell vermutet, das Pferd wolle einen ärgern oder „linken“. Schnell ein Leckerli, damit es aus Dankbarkeit seine Unarten einstellt. Nein, das Pferd hat keine Charakterzüge wie Hinterhältigkeit oder Korrumpierbarkeit, solche Schwächen sind der menschlichen Natur vorbehalten.

Wir dürfen das Pferd nicht vermenschlichen, wenn schon, dann müssen wir Menschen uns „verpferdlichen“. Uns wäre dann z. B. schnell klar, weshalb sich kein Pferd durch Reißen am Zügel vertrauensvoll unterordnen lässt, auch nicht beim Führen, selbst wenn man ihm eine Kette durchs Maul zieht. Oder haben Sie schon mal ein ranghöheres Pferd gesehen, dass dem rangniederen auf die Zunge beißt? Wir würden verstehen, weshalb Pferde als Fluchttiere immer unzuverlässiger und skeptischer springen, wenn man die Angst vor einem Sprung mit der Angst vor der Peitsche überwinden will. Wir wüssten Scheuen richtig einzuschätzen und dem durch mehr Ruhe, aber auch durch mehr Bestimmtheit (bedeutet vertrauensvolle Unterordnung) zu begegnen. Wir könnten innere Unruhe, äußere Merkmale der Unzufriedenheit schon im Ansatz erkennen und wir könnten es ermöglichen, dass es überhaupt keine sogenannten Korrekturpferde mehr gäbe. Das widersetzliche Pferd zeigt mir nur mein eigenes Unvermögen im Umgang oder beim Reiten auf. Es ist der Spiegel meiner Inkompetenz. Das schwierige Pferd wurde nicht als sogenannter Verbrecher geboren, es wurde vom Menschen dazu gemacht; oft nicht aus Bösartigkeit oder krimineller Energie, sondern aus Unkenntnis über sachgemäßen, naturgerechten Umgang mit dem Pferd.

Dies gilt für jegliche Ausbildung, vom Boden, vom Bock oder vom Sattel aus. Wir Pferdeausbilder haben es aber gar nicht so schwer uns über artgerechte Ausbildung zu informieren. Wir können, müssen aber nicht alle verfügbaren Bücher lesen oder uns teure Geheimtipps von Gurus erkaufen.

„Richtig reiten reicht“, so hat es mein hippologisches Vorbild und Vorgänger in meinem jetzigen Amt Paul Stecken trefflich auf den Punkt gebracht. Und wie richtig reiten geht, steht in unserer Reitlehre beschrieben, wir müssen uns nur daran halten. Unsere Reitlehre, basierend auf der Skala der Ausbildung, ist kein abstraktes theoretisches Konstrukt, sondern hat sich entwickelt aus Beobachtungen und Erkenntnissen von Pferdefachleuten zur Natur und zu den natürlichen Bewegungen des Pferdes. Nicht nur die Ausbildungsskala, sondern alle gymnastizierenden Übungen lassen sich in ihren Zielsetzungen logisch und nachvollziehbar mit den anatomischen Zusammenhängen erläutern. Sich ergebende Beanspruchungen sind pyhsiologisch erklärbar.

Takt ist u. a. deshalb 1. Punkt der Ausbildungsskala, weil sich ein gesundes, frei laufendes Pferd stets taktrein bewegt. Unter dem Reiter muss dem Pferd Gelegenheit gegeben werden, sich seinem natürlichen Verhalten entsprechend zu bewegen. Oder anders ausgedrückt: Wer sein Pferd nachhaltig aus dem Takt bringt oder im Takt stört, reitet gegen die Natur des Pferdes. Ähnlich die Begründung für die Losgelassenheit: Anspannung zeigt ein freies Pferd nur in Angst- und Fluchtsituationen, ggf. in Rangordnungskämpfen, zu denen das Pferd aber nur in kurzen Zeitspannen fähig ist. Nur in Losgelassenheit hält ein Pferd demnach längere Arbeit und Training ohne gesundheitliche und mentale Beeinträchtigungen aus. Nur ein vertrauensvoll sich unterordnendes Pferd kann losgelassen gehen, das zwangsweise Untergeordnete hat Angst und geht damit verspannt. Alle Indizien der Losgelassenheit (Kauen, schwingender Rücken, pendelnder Schweif, das Abschnauben, die Dehnungsbereitschaft) lassen sich mit natürlichen Körperfunktionen erklären. Gleiches gilt für die Kriterien der Anlehnung. Nimmt z. B. ein Pferd beim Zügel aufnehmen zu Beginn der Stunden den Kopf hoch, zeigt es als Fluchttier damit eine Angstsymptomatik, hier wahrscheinlich die Angst vor den Schmerzen, die eine riegelnde Reiterhand verursacht. Auch alle anderen Anlehnungsphänomene sind funktional begründbar. Angesichts der Rollkurthematik möchte ich noch auf die Bedeutung des Halses als Balancierstange verweisen. Zwangsweises Verbiegen oder Zusammenziehen des Halses ist unphysiologisch und entspricht in keinster Weise des Natur des Pferdes. In der Natur würde kein Pferd über längere Zeit solche absurden Halshaltungen einnehmen, da es sich dabei seiner eigenen Balancefähigkeit berauben würde. Was dieses auch mental bedeutet, kann sich jeder Mensch deutlich machen, wenn er selbst körperliche Arbeit in Zwangshaltungen ausführen müsste.

Zurück zur Ausbildungsskala: Warum brauchen wir Schwung und Schubkraft? Sie sind Voraussetzung dafür, dass dem Pferd das Tragen des Reitergewichtes im Rücken erleichtert wird. Geraderichtung bedeutet gleichmäßige Gymnastizierung beider Körperhälften, eine zwingende Voraussetzung nicht nur zur Gesunderhaltung. Den Begriff Versammlung kann man auch mit Balancierfähigkeit übersetzen. Das Steppen – ,Lauf – und Fluchttier Pferd benötigt aber extreme Versammlung in der Natur nur sehr selten und nur in sehr kurzen Zeitabschnitten, weshalb die Muskulatur für Versammlung zu Dauerbelastungen nicht geeignet ist. Übertriebenes Piaffieren, Passagieren oder Pirouettendrehen macht Pferde daher schnell in den Muskeln sauer; ihnen bleibt nichts anderes übrig, als bei Überforderung mit negativer Anspannung die geforderten exsaltierten Bewegungen auszuführen. Mit diesen Basiskenntnissen zu funktionaler Anatomie wird mir die Freude an manchen Kürprüfungen im Grand Prix – Bereich ziemlich genommen, in denen je nach Talent mache Pferde immer länger schweisstreibend auf der Stelle tanzen müssen. Nun ja: den trocknenden Schnellgalopp können sie bei Bedarf ja in der Ehrenrunde nachholen, quasi als Ersatzbefriedigung für entgangene Vorwärtsbewegung.

Provozierende Aussagen wie diese überzeichnen bewusst, sie sollen aber um so deutlicher machen, dass wir bei aller Euphorie für unseren Sport, bei allem Enthusiasmus für den Umgang mit dem Pferd stets unserer Verantwortung bewusst sind für die artgerechte Haltung eines Lebewesens, das wir zum Haustier gemacht haben, obwohl es noch Naturmerkmale eines Wildtieres in sich trägt.

Vielleicht können wir hierin auch eine große Chance für unsere weitere berufliche Tätigkeit sehen, indem wir unser ganzes Tun und Handeln stets mit den Anforderungen begründen, die uns die Natur des Pferdes stellt. Wenn wir dies unseren Kunden vermitteln, werden wir die Kundschaft auch zufrieden stellen, denn wohl jedem Pferdebesitzer liegt das Wohlbefinden seines eigenen Pferdes ganz besonders am Herzen, ein Wohlbefinden, das wir mit dem Eingehen auf die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes in besonderer Weise zu erreichen versuchen.

Martin Plewa
Warendorf, 15.11.2006 

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